Im Cadore gab es bis vor wenigen Jahrzehnten viel Arbeit für alle, die meisten arbeiteten in der Brillenindustrie, in der Brillen für die ganze Welt hergestellt wurden. In Pieve di Cadore wird die Geschichte der Brillen in dem eindrucksvollen " Museo degli occhiali erzählt. Doch diese Zeiten sind lange vorbei und im Cadore wurde es seither immer schwieriger, das Einkommen zum Überleben zu sichern. In der Tat haben viele die Gegend verlassen, um anderswo ihr Glück zu versuchen. Aber nicht alle. Einige haben sich in Genossenschaften organisiert, wie die soziale Genossenschaft Cadore, die sich nach der Region benennt.
Aber es gibt auch einzelne Leute, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, z.B. Frederica und Nicola, die das Restaurant "La Pausa" in Pozzale überhalb von Pieve di Cadore betreiben. In dem Restaurant werden lokale Gerichte angeboten, aber das Besondere ist, dass das Fleisch und der Käse aus der eigenen Herstellung stammen - so kommt alles aus einer Hand. Genau genommen sind es die Hände von Nicola, Frederica und ihren drei Angestellten. Und diese Hände schaffen Unglaubliches. Ich bin davon so beindruckt, dass ich die beiden näher kennen lernen möchte.

Frederica und Nicola in ihrem Restaurant "La Pausa" in Pozzale

Wir treffen Nicola auf der Piazza von Pozzale. Er möchte uns sein Vieh zeigen - Kühe, Schweine und Ziegen, die im Stall und auf der Weide etwas außerhalb vom Dorf liegen. Mit dem Jeep geht es etwa eine Viertelstunde lang über Stock und Stein dorthin. Nicola erzählt, dass er diese Strecke etwa dreimal am Tag fährt - wenn die Kühe kalben oder es neue Ferkel gibt, kommt es auch öfters vor. Manchmal verbringt er dann die ganze Nacht im dort.  Im Winter kann er den Stall hingegen nur mit dem Motorschlitten erreichen.
Nicola zeigt uns sein Vieh

Ursprünglich kommt Nicola aus einer Bäckersfamilie. Mit Anfang 20 hat er damit begonnen, Kühe aus dem Pustatal auf die Weiden im Cadore zu bringen - eine Dienstleistung, die dem Umstand geschudet war, dass es damals im Cadore kaum mehr Bauern gab, die sich um die Bewirtschaftung der Weiden kümmerten. Wenn die Weiden sich selbst überlassen bleiben und verwildern, ist das - so Nicola ein großes Problem,- solange man die Berge als Kulturlandschaft begreifen möchte, in der auch Menschen leben möchten. Bald hatte Nicola angefangen eigene Kühe groß zu ziehen - anfangs nur für die Selbstversorgung. Alles was er dazu lernen musste, hat er sich selbst beigebracht, er kam ja schließlich nicht aus einer Bauersfamilie, in der das Wissen über die Viehhaltung durch die Generationen getragen wird. So gibt es z.B. einige Pflanzen - wie die Herbstzeitlosen, die für die Tiere tödlich sind und die von Hand ausgerissen werden müssen.
Frederica hingegen war Architektin, doch die Arbeit machte ihr keinen Spaß mehr. Abends in der Bar erzählte sie einem Freund von ihrem Mißleid und wünschte sich nichts mehr, als einen anderen Lebensentwurf. Sie wolle am liebsten nur ein paar Ziegen, die sie irgendwo in den Bergen hüten könne. Der Freund brachte sie mit Nicola zusammen, die beiden verliebten sich ineinander und so kam eins zum anderen. Erst betrieben für sieben Jahre die Berghütte auf dem Antelao. Gleichzeitig legten sie sich eine Ziegenherde zu und machten aus der Ziegenmilch Käse. Es war ein ständiges Hin und Her zwischen der Berghütte auf dem Antelao und der Ziegenherde im Tal.
Ziegen geben aber nur im Frühjahr Milch und so konnte die Käseproduktion keine ganzjährige Einnahmequelle abgeben. Die beiden entschlossen sich deshalb auch noch Kühe in ihr Programm aufzunehmen, die ja das ganze Jahr über Milch liefern. Dazu kommen bald noch Schweine und es ist klar, dass es bei all der Arbeit nicht mehr möglich ist, auch noch die Berghütte zu bewirtschaften - zu groß sind die Distanzen, die jeden Tag überwindet werden müssen. Die beiden kaufen sich eine Holzhütte mit Panorama oberhalb von Pieve di Cadore und eröffnen ihr Restaurant La Pausa in der Nähe ihres Stalls. Es spricht sich schnell herum, dass man dort umgeben von einem eindrucksvollen Bergpanorama lecker Essen kann.

Am Sonntag wollen wir eine Wanderung vom Rifugio Antelao zur Berghüte von Claudio unternehmen. Nicola bietet uns an, das erste Stück von Pozzale zum Rifugio mit in seinem Jeep zu fahren, da er sowieso zum Rifugio fahren muss, um seinen  Kühen auf den Bergwiesen Salz zu bringen. In Pozzale ist der Dorfplatz an diesem Tag  voller Leute, weil heute der Lauf von Pozzale zum Rifugio stattfinden wird - also genau die Strecke, die wir auch mit dem Jeep fahren wollen. Wir müssen uns beeilen, um vor dem Rennen los zu kommen.
Von einer der Berghütten, die wir bei unsere Fahrt passieren, gibt es einen herrlichen Ausblick auf die Marmarole. Sonja sieht dabei in der Ferne die Berghütte Chiggiato, auf der sie am vorherigen Tag eine Suppe gegessen hat.
Vor lauter Freude vergesse ich dort meine Fototasche. Oben auf dem Rifugio Antelao angekommen erzähle ich Nicola von meinem Verlust. Er zückt sein Telefon und abends erhalte ich meine Tasche zurück. Wow! Auf der Berghütte sind alle damit beschäftigt, die Ankunft der Läufer vorzubereiten und nur kurze Zeit nach uns erreicht auch schon der erste Läufer das Ziel. Er hat die Strecke in etwa einer dreiviertel Stunde überwunden - wir haben mit dem Jeep auch nicht viel weniger gebraucht.
Die ersten Läufer kommen kurz nach uns auf dem Rifugio Antelao an
Jetzt beginnen wir unsere eigene Wanderung, Sonja und Renate sind mit Karten ausgestattet und ich überlasse mich für die nächsten Stunden gerne ihrer Führung. - Jeder weiß, dass mir das nur Recht sein kann.
Vom Rifugio geht es weiter auf den Antelao
Unterwegs halten wir oft an, um die herrlichen Aussichten auf die Landschaft zu genießen, auch hier sind wir fast immer alleine. Kaum zu glauben - an einem Wochenende im August bei strahlendem Sonnenschein.
Auf der Wanderung gibt es ständig etwas Neues zu entdecken.
Nach ein paar Stunden kommen wir zur letzten Abzweigung, die uns zur Berghütte von Claudio führt. Er wird uns dort mit einem kleinen Nachmittagsbrunch empfangen.
Die letzte Abzweigung.
Claudio Agnioli war bis vor kurzem der Präsident der Genossenschaft im Cadore und hat damit begonnen, die Region für einen lokal nachhaltigen und sozialen Tourismus empfänglich zu machen. Wir diskutieren viel über die Möglichkeiten, wie man den Tourismus hier entwickeln könnte, denn die Landschaft ist einzigartig und die Leute könnten ihren Gästen wirklich viel bieten. Wir sprechen über Nicola und Frederica und deren Geschichte, den Widerständen, denen sie begegnen und von denen sie sich nicht unterkriegen lassen. Claudio sagt, es ist toll die Reisenden zu Orten wie der Pausa zu bringen, also ein Tourismus zu entwickeln, der nicht um seiner selbst Willen konstruiert wird, sonder die Reisenden und die lokalen Akteure zusammenbringt, um sich letztlich gegenseitig zu bereichern. Ich finde er hat damit vollkommen Recht.
Claudio Agnioli auf seiner Baita

Im Juni 2011 kam ich zum ersten Mal von Rom über Venedig und Belluno ins Cadore und wurde in Calalzo am Bahnhof von Luca und Claudio empfangen. Wir wollten zusammen eine neue Produktlinie für die soziale Genossenschaft Cadore entwickeln und dazu die Marke Le Mat für lokal nachhaltigen und sozialen Tourismus in der Region einführen.

Vom Zug aus sehe ich den See im Zentral Cadore
Die Reise von Rom war lang, es war bereits dunkel und das Schlimmste: Im Vergleich zu Rom war die Temperatur um 10 Grad gefallen. Ich war müde, mir war kalt und ich wusste nicht was mich erwarten würde.
Claudio in der Mitte, als Präsident der Genossenschaft Cadore
Wir trafen uns beim Abendessen bei Mangia La Foglia, ein vegetarisches Restaurant in Pieve di Cadore, etwas ganz Besonderes, Seltenes hier in den Dolomiten, wo man oft und gerne Fleisch ist. Auch Michela Maggiolini und Roberta Panciera, die beiden Unternehmerinnen sind etwas Besonderes, ein Vorgeschmack zu dem, was ich hier häufig entdecken werde: Junge, intelligente Menschen, die sich hier in der Bergwelt ein unabhängiges Leben aufbauen und dafür vor keiner Anstrengung und Schwierigkeit zurückscheuen.
Das Essen war ausgezeichnet aber die Unterhaltung war noch aufregender. Claudio und Luca wollten die Zeit gut nutzen und erzählten sofort und ausführlich von ihren nicht wenigen und keinesfalls einfachen Plänen, die immer wieder stark an die Geschichte des Cadores geknüpft waren: Die Dolomiten, der Piave, der Boite, der Wald, die Brillenindustrie, die Arbeitslosigkeit und die Genossenschaft Cadore. Naja und dazu gab es natürlich Grappa, guten Grappa….
Als ich um Mitternacht todmüde in mein grosses warmes Bett im gemütlichen B&B Cristina fiel, konnte ich vor lauter neuen Ideen kaum einschlafen. Der Brainstorm wollte einfach nicht aufhören.
Frühstück bei Cristina mit Luca

Der nächste Tag begann früh, das Programm war voll und das Frühstück bei Cristina war genau das Richtige, denn schon hier im gemütlichen Zimmer gab es viel zu erzählen: Das Haus wo Cristina lebt und ihre Gäste empfängt ist nicht irgendein Haus, es hatte über lange Zeit eine wichtige Bedeutung für die Gemeinschaft von Pieve di Cadore. Und so erfahre ich die ersten Geschichten... nicht nur über die Widerstandsbewegung im Cadore….
Luca holte mich ab dann ging's los, nach Perarolo, wo die Genossenschaft im Palazzo Lazzaris drei Appartments für Gäste eingerichtet hat. Der Palazzo ist aus dem 19. Jhd. und gehörte der sehr reichen Familie Lazzaris-Costantinis, die in den Jahren 1881 und 1882 die Königin Margherita von Savoia und ihren Prinzengatten Vittorio Emanuele im Palazzo beherbergten.
Der Garten von Palazzo Lazzaris

Früher war Perarolo sehr reich, denn hier war der Hauptsitz der Holzindustrie. Der herrschaftliche Palazzo gehört heute der Gemeinde Venedig - die Bedeutung der engen Beziehung zwischen Cadore und Venedig ist eine andere lange Geschichte - und beherbergt heute unter anderem auch die Gemeindeverwaltung von Perarolo.
Perarolo und Palazzo Lazzari,in dem sich die Appartments befinden

Ganz abgesehen von den Apartments, die ich besichtigen sollte, um zu beraten, wie man sie verbessern und vor allen Dingen vermarkten kann, erfahre ich in Perarolo wieder viele Geschichten über das Cadore, denn genau hier fließen die Flüsse Piave und Boite zusammen und genau hier begann die Fahrt der Hölzer und der Flößer nach Venedig. Im kleinen Museum, das in einem Haus im Garten eingerichtet ist wird sehr anschaulich die Geschichte der Holzindustrie im Cadore und der Verbindung mit Venedig erzählt. Es lohnt sich, man muss einen Besuch ankündigen, denn nicht immer ist jemand da.
Ein Flößer vor der Flusssperre, dem Cidolo

Aber in Perarolo findet man immer Hilfe, wenn man etwas braucht: bei Luigino und seiner Schwester Vittorina in der Bar "Il Covo dei Zater, was übersetzt "die Höhle der Flößer" bedeutet.
Luigino in der "Höhle der Flößer"

Luigino und Vittorina bewirten uns nicht nur mit Schinken, Käse, Bier, Wein, Kaffe, Tee….zum Frühstück, Mittagessen, Abendessen, die Beiden wissen alles, was im Cadore geschieht, erzählen Geschichten, helfen weiter. Perarolo ist historisch gesehen das Eingangstor zum Cadore. Heute wird der Verkehr über die Umgehungsstrasse über die große Talbrücke herumgeleitet -nicht immer, denn manchmal ist die Brücke wegen Wartungsarbeiten geschlossen. Ruhesuchende Reisende können hier also ungestört die Gebirgslandschaft in einem Dorf mit reicher Geschichte genießen. Und wenn man im Cadore slow ankommen möchte - In Perarolo gibt es einen Bahnhof, an dem noch der Zug hält.
Für mich sind Vittorina und Luigino von Anfang an eine Sicherheit gewesen, bei ihnen fühle ich mich aufgenommen, fast zuhause, abends nach vielen langen Tagen kann ich hier tausend Fragen stellen und finde immer eine Antwort, die mir hilft weiterzumachen in meinen Entdeckungsfahrten durchs Cadore.
Nach unserer Bekanntschaft mit Perarolo fuhren wir weiter nach Valle di Cadore, wo damals im Juni 2011 der Sitz der Genossenschaft war und hier bei einer lebhaften Versammlung habe ich weitere Menschen kennengelernt, die sich täglich für ein "Neues Cadore" einsetzen.

Einige Mitglieder der Genossenschaft Cadore

Und wir haben einen Vertrag gemacht: im Cadore gibt es viel zu sehen und zu lernen, deshalb soll es bekannter gemacht werden und für alle Reisender seine accoglienza - also seine Gastlichkeit anbieten.

Damals an den verregneten Tagen im Juni fängt also meine Liebesgeschichte zum Cadore an auch wenn ich keine einzige Bergspitze gesehen habe. Damals als ich erfuhr, dass die berühmte Brillenindustrie ausgewandert war, lernte ich auch, dass die Gemeinschaft vom Cadore schon wieder wie so oft eine neue nachhaltige  Entwicklungsstrategie entwickeln musste, wenn man nicht auswandern wollte. Und um diese Entwicklung zu planen und zu realisieren mussten alle Mitglieder der Gemeinschaft irgendwie mitmachen. Eine spannende Geschichte bei der auch ich etwas als Reisende mitmachen durfte….

Im August sind Renate und ich zusammen mit Sonja Heidtmann aus München ins Cadore gefahren. Sonja ist die Reiseveranstalterin von Sento Wanderreisen in München und hat sich vor zwei Jahren dazu entschlossen, das Cadore in ihr Reiseprogramm aufzunehmen. Dieser Entschluss viel ihr nicht leicht, denn wie sie sagt, seien Reisen dorthin nicht leicht zu verkaufen, da die Region in Deutschland gänzlich unbekannt sei. Trotzdem hatte sie den Mut gefasst eine Reise auszuarbeiten und ist jetzt nach den ersten positiven Rückmeldungen ihrer Kunden dazu entschlossen neue Wanderungen im Cadore in ihr Programm aufzunehmen.
Sonja Heidtmann im Cadore auf der Suche nach neuen Wanderungen

In der Tappa treffen wir Mairilisa aus Calalzo. Sie ist eine Natur- und Wanderführerin, die es sich vorstellen kann, künftig Sonjas Reisende im Cadore zu begleiten.
Marilisa kennt sich unglaublich gut im Cadore aus und spricht ausgezeichnet Deutsch. Noch zu DDR-Zeiten hat sie in Berlin und Greifswald Germanistik studiert. Es ist schon beiendruckend, wie sie aus den Bergpanoramen ohne zu Überlegen die einzelnen Namen der Berge benennen kann - was selbst für die Einheimischen nicht immer ganz einfach zu sein scheint.
Marilisa kennt sich unglaublich gut in den Bergen aus
Marilisa weiß alles über die lokale Flora und Fauna, ein Wissensschatz, der schon seit langem in ihrer Familie aus Jägern bewahrt und durch die Zeit getragen wird. Wie viel man wohl auf einer Wanderung mit ihr über über Heilpflanzen und die Bestimmung von Tierfährten lernen kann?
Marilisa zeigt Sonja einige interessante Möglichkeiten die Berge zu entdecken

Doch bei der Vielfalt an Angeboten wird Sonja plötzlich unruhig: "Wenn ich die Berge sehe, dann muss ich da einfach raufgehen, da hält mich nix", sagt sie und so plant sie ihr Vorhaben am nächsten Tag in die Tat umzusetzen. Sie möchte eine Wanderung für ihre künftiges Reiseangebot ausprobieren. Sonja ist es vor allem wichtig, alles selbst einmal gesehen zu haben, was sie in ihren Reiseangeboten anbieten wird. Wir fahren sie morgens mit dem Auto durch das Val Vedesana bis nach Stua, und obwohl wir kaum zwanzig Minuten unterwegs waren, bis die befahrbare Straße endet, kann man förmlich spüren, wie hier die Naturgewalten ihren Raum einnehmen und die Zivilisation an Bedeutung verliert. Wir überlassen Sonja ihren Wanderschuhen und fahren selbst nach Rizzios, das hier ganz in der Nähe liegt. Rizzios gehört zur Gemeinde von Calalzo und ist noch im ursprünglichen Stil aus Holzhäusern aufgebaut.
Rizzios mit seinen alten Holzhäusern

In Rizzios hat sich eine Zeit lang die Partisanin Giovanna Zangrandi versteckt und wurde von der Bevölkerung unterstützt. Giovana erzählt ihre damaligen Erlebnisse in dem Roman "I giorni Veri", der zum erstenm Mal 1963 veröffentlicht wurde. Leider ist dieser Roman bislang noch nicht in deutscher Sprache erschienen.
Renate kann den Pflaumen in Nachbars Garten nicht wiederstehen

Es ist fünf Uhr nachmittags und wir fahren wieder nach Stua, um Sonja abzuholen. Sie scheint müde aber glücklich zu sein. Auf ihrer insgesamt fünfeinhalb stündigen Wanderung ist sie erst von La Stua zur Berghütte Chiggiato gewandert und hat dabei schon einmal 700 Höhenmeter überwunden.
Müde und glücklich, Sonja nach ihrer Wanderung

Erst geht es für Sonja durch enge Bergschluchten bis zur Baumgrenze, bevor sich ihr das gesamte Panorama auf den Antelao und die umliegenden Gebirgszüge zeigt. Das Gefühl der Freiheit stellt sich ein und auch etwas Hunger. Sie erreicht die Berghütte Chiggiato etwa gegen halb zwölf, sie ist die erste Wanderin an diesem Tag und Omar, der die Hütte mit seiner Familie, betreibt serviert ihr eine Suppe.
Im Rifugio Chiggiato wartet eine leckere Suppe

Die beiden kommen ins Gespräch. Omar erzählt, dass die Hütte von Juni bis Oktober geöffnet sei und ganzjährig an den Wochenenden. Im Winter kommen Skifahrer und Schneeschuhwanderer vorbei, um sich aufzuwärmen. Als Tourismusprofis unterhalten sich die beiden übers Geschäft. Omar sagt, dass die meisten Gäste bei ihm auf der Hütte nur einen Kaffee oder ein Getränk bestellen und dass er darum Schwierigkeiten habe, dem Alpenverein die jährliche Pacht zu bezahlen. Das liege vor allem daran, dass die meisten Gäste im Cadore mit Voll- oder Halbpension unterwegs seien und so einfach keinen Bedarf hätten, bei ihm das Essen zu bestellen. Es kommen wenige Gäste aus Deutschland oder Österreich und kaum Italiener, die das Wandern wohl noch nicht im großen Stil entdeckt hätten. Auch hier wird wieder einmal deutlich, dass Toursimus eine sehr komplexe Angelegenheit ist, wenn es darum geht Dienstleistungen anzubieten und vor allen Dingen dafür bezahlt zu werden.
Nach einer guten Pause geht es gute zwei Stunden weiter zum Rifugio Baion auf 1828 Höhenmeter, unterwegs wird Sonja immer wieder von atemberaubenden Ausblicken überwältigt. Dabei ist Sonja meistens vollkommen alleine, nur wenige Wanderer kreuzen ihren Weg. Sonja ist auf jeden Fall zufrieden mit ihrer Wanderung und denkt schon darüber nach, wie sie diesen Weg in ihre spannenden Wanderreisen einbinden kann. Von Stua aus fahren wir ins Hotel Dolomie, in Pieve di Cadore, dass Sonja für ihre Gäste ausgesucht hat. Sonja möchte sich auch hier überzeugen, ob das Hotel ihren Qualitätsansprüchen gerecht wird.
Giovanni, der Hotlemanager vom Dolomie begüßt Sonja

Das Haus stammt aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts und wurde ursprünglich von Nonnen bewohnt. In den letzen Jahren stand es leer bis Giovanni vor einem Jahr die Initiative ergriffen hat, das Gebäude in ein Hotel umzuwandeln. Giovanni ist der perfekte Gastgeber und Sonja ist entzückt.
Doch bis Sonja ihre Reiseangebot fertig hat, gibt es noch einiges zu tun. So werden Sonjas Reisende künftig in der Pausa bei Frederica und Nicola essen, und wir fahren nach Pozzale überhalb von Pieve di Cadore.
Frederica und Nicola auf ihrer sonnigen Terrasse, natürlich mit Bergpanorama

Frederica und Nicola haben sich vor ein paar Jahren dazu entschlossen, dieses Restaurant zu eröffnen, das Besondere: Das Fleisch kommt von den Kühen, Schweinen und Ziegen, die sie selbt auf ihren Weiden großziehen.
Das liebe, glückliche Vieh

Neben der Fleischproduktion haben sie auch noch eine eigene Käserei - Frischer kann man also kaum das Essen auf den Tisch bekommen.
Die eigene Käserei

Das wirklich Besondere bei den beiden ist aber ihre unglaubliche Gastlichkeit - Kaum zu glauben bei der vielen Arbeit, die bei einem solchen Betrieb jeden Tag anfällt.
Wir müssen weiter zur Tappa in Valle di Cadore,- Sonja möchte noch unbedingt den Koch Pierangelo kennen lernen, der ihren Reisenden das Kochen der lokalen Spezialitäten lehrt.
Sonja und der Koch Pierangelo

Vier Tage nähern sich ihrem Ende, bei Sonja merke ich, wie sie sich immer mehr und mehr in das Cadore mit seinen besonderen Menschen verliebt. "Ich möchte auch einmal im Cadore Urlaub machen", gesteht sie mir am Ende unserer Reise. Das Vertrauen, das durch die vielen positiven Begegnungen mehr und mehr wächst, ist gleichzeitig die Grundvoraussetzung, wenn man so ein Reiseprodukt entwickelt, wie es Sonja tut. Ich bin mir sicher, ihre künftigen Gäste werden hier eine unvergessliche Reise erleben. Gleichzeitig habe ich in den letzten Tagen die Mühen gesehen, die hinter einer solchen Reise stehen können und die mir sonst gar nicht so im Blick stehen.
Nach meinem Ausflug in das Hochmoor von Danta di Cadore habe ich eine Verabredung auf dem Monte Zovo. Zusammen mit meinen Freunden treffen wir David Pomarè, ein junger Geologe, der mit seinem Bruder und einigen anderen eine Tourenkarte mit GPS-Informationen für Mountainbiker entwickelt hat. Wir erreichen die ca. 1800 Höhenmeter des Monte Zovos über die Bergstraße von Costa. Auf der Bergspitze erwartet uns bereits Andrea mit seinem Mountainbike.
Auf dem Monte Zovo schützt ein Totem Montainbiker und Bergläufer vor bösen Bergeistern

Für Montainbiker und Bergläufer ist der Monte Zovo kein unbeschriebenes Blatt, ist er doch ein Etappenziel des Dolomiti Trail , ein Wanderweg über 180km und einem Höhenunterschied von 6800m zwischen Comelico, Karnien, Cadore und Hochpustertal.
Die Innovation:Tourenkarte mit Gps-Leitsystem
David und Roberto von MtbComelico

David ist jung und leidenschaftlich - und das bestimmt nicht nur, was das Thema Montainbike betrifft. Er zeigt mir, wie seine Tourenkarte funktioniert. Zusammen mit Roberto De Candido hat er 37 Radwege zwischen Sexten, Comelico und Sappada kartographiert und getestet. Per QR-Code lassen sich direkt Informationen über Wegbeschaffenheit, Höhenunterschiede und Schwierigkeitsgrad zu jeder Route aufs Handy laden. Per Gps-Signal geht niemand verloren. Überhaupt ist die Sicherheit der Biker ein großes Thema für David. Mit seinen Mitstreitern hat er den Verein MtbComelico gegründet, um neben dem Vertrieb der Tourenkarte weitere Diensleistungen rund ums Montainbiking zu entwickeln. "Dass das Comelico noch nicht für den Massentourismus erschlossen ist, ist eigentlich unser Glück. - So haben wir noch die Möglichkeit, den Tourismus zu gestalten, wie er uns gefällt - Mit unseren ökologischen, sozialen und nachhaltigen Werten und für die Gäste, die wir mögen", erklärt mir David. Bei MtbComelico gibt es die Möglichkeit, Fahrräder auszuleihen oder an organisierten Touren teilzunehmen. Es gibt z.B. eine Mondscheinfahrt bei Vollmond mit einem Abendessen auf einer Berghütte und vieles mehr.
Ich bin mal wieder höchst beeindruckt, mit welcher Enerige einzelne Menschen im Cadore sich auf den Weg machen, um wirklich etwas zu verändern und bin froh, David kennengelernt zu haben. Ich bekomme richtig Lust mal eine Tour auszuprobiern - und das will schon was heißen. David steigt auf sein Bike und wir stolpern im per Pedes hinterher.

David bringt uns zur neuen Berghütte auf dem Monte Zovo


Auf dem Rückweg zum Parkplatz kommen wir noch an der neuen Berghütte auf dem Monte Zovo vorbei. Die Bauherren sind die Regola di Costa, also jene Verwaltungsstruktur. die sich aus den alten ansässigen Familien dieser Region zusammen setzt und seit Jahrhunderten das Land verwaltet und darüber entscheidet, welche Arbeiten wann, wo und warum ausgeführt werden. Bei diesem Projekt hat die Regola di Costa entschieden, eine Schutzhütte nur aus den Hölzern der umliegenden Wälder zu bauen. Ich bin gespannt, ob der künftige Betreiber seinen Gästen dann auch nachhaltige Produkte mit kurzen Transportwegen anbieten wird. Wär schon schön!

Die neue Berghütte auf dem Monte Zovo


Das Comelico ist wirklich ein ganz besonderer Teil des Cadores, ist es doch erst Mitte der 1980er Jahre durch einen immerhin 4km langen Tunnel mit dem Rest der Welt südlich der Alpen verbunden. Vorher gab es nur mühsam passierbare Passstraßen. Diese geographische Abgeschiedenheit wirkt sich natürlich auf die Kultur der Menschen aus, bestimmt die Werte, bewahrt Traditionen und Bräuche. Viele Menschen verlassen auch diesen Ort, manche kommen zurück, um etwas zu bewirken, so wie David - und noch einige andere, die mir auf meiner Reise begegnet sind. Ich werde von ihnen erzählen, aber nicht heute!

Schutzgeist auf dem Monte Zovo



Nachtrag [17.10.16]: Aus der Berghütte Monte Zovo wurde inzwischen das Rifugio de Dòo, die Webseite sieht schon einmal sehr einladend aus und ich werde bei meiner nächste Reise mal dorthin fahren.

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