Wie ich das Cadore entdeckt habe

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Im Juni 2011 kam ich zum ersten Mal von Rom über Venedig und Belluno ins Cadore und wurde in Calalzo am Bahnhof von Luca und Claudio empfangen. Wir wollten zusammen eine neue Produktlinie für die soziale Genossenschaft Cadore entwickeln und dazu die Marke Le Mat für lokal nachhaltigen und sozialen Tourismus in der Region einführen.

Vom Zug aus sehe ich den See im Zentral Cadore
Die Reise von Rom war lang, es war bereits dunkel und das Schlimmste: Im Vergleich zu Rom war die Temperatur um 10 Grad gefallen. Ich war müde, mir war kalt und ich wusste nicht was mich erwarten würde.
Claudio in der Mitte, als Präsident der Genossenschaft Cadore
Wir trafen uns beim Abendessen bei Mangia La Foglia, ein vegetarisches Restaurant in Pieve di Cadore, etwas ganz Besonderes, Seltenes hier in den Dolomiten, wo man oft und gerne Fleisch ist. Auch Michela Maggiolini und Roberta Panciera, die beiden Unternehmerinnen sind etwas Besonderes, ein Vorgeschmack zu dem, was ich hier häufig entdecken werde: Junge, intelligente Menschen, die sich hier in der Bergwelt ein unabhängiges Leben aufbauen und dafür vor keiner Anstrengung und Schwierigkeit zurückscheuen.
Das Essen war ausgezeichnet aber die Unterhaltung war noch aufregender. Claudio und Luca wollten die Zeit gut nutzen und erzählten sofort und ausführlich von ihren nicht wenigen und keinesfalls einfachen Plänen, die immer wieder stark an die Geschichte des Cadores geknüpft waren: Die Dolomiten, der Piave, der Boite, der Wald, die Brillenindustrie, die Arbeitslosigkeit und die Genossenschaft Cadore. Naja und dazu gab es natürlich Grappa, guten Grappa….
Als ich um Mitternacht todmüde in mein grosses warmes Bett im gemütlichen B&B Cristina fiel, konnte ich vor lauter neuen Ideen kaum einschlafen. Der Brainstorm wollte einfach nicht aufhören.
Frühstück bei Cristina mit Luca

Der nächste Tag begann früh, das Programm war voll und das Frühstück bei Cristina war genau das Richtige, denn schon hier im gemütlichen Zimmer gab es viel zu erzählen: Das Haus wo Cristina lebt und ihre Gäste empfängt ist nicht irgendein Haus, es hatte über lange Zeit eine wichtige Bedeutung für die Gemeinschaft von Pieve di Cadore. Und so erfahre ich die ersten Geschichten... nicht nur über die Widerstandsbewegung im Cadore….
Luca holte mich ab dann ging's los, nach Perarolo, wo die Genossenschaft im Palazzo Lazzaris drei Appartments für Gäste eingerichtet hat. Der Palazzo ist aus dem 19. Jhd. und gehörte der sehr reichen Familie Lazzaris-Costantinis, die in den Jahren 1881 und 1882 die Königin Margherita von Savoia und ihren Prinzengatten Vittorio Emanuele im Palazzo beherbergten.
Der Garten von Palazzo Lazzaris

Früher war Perarolo sehr reich, denn hier war der Hauptsitz der Holzindustrie. Der herrschaftliche Palazzo gehört heute der Gemeinde Venedig - die Bedeutung der engen Beziehung zwischen Cadore und Venedig ist eine andere lange Geschichte - und beherbergt heute unter anderem auch die Gemeindeverwaltung von Perarolo.
Perarolo und Palazzo Lazzari,in dem sich die Appartments befinden

Ganz abgesehen von den Apartments, die ich besichtigen sollte, um zu beraten, wie man sie verbessern und vor allen Dingen vermarkten kann, erfahre ich in Perarolo wieder viele Geschichten über das Cadore, denn genau hier fließen die Flüsse Piave und Boite zusammen und genau hier begann die Fahrt der Hölzer und der Flößer nach Venedig. Im kleinen Museum, das in einem Haus im Garten eingerichtet ist wird sehr anschaulich die Geschichte der Holzindustrie im Cadore und der Verbindung mit Venedig erzählt. Es lohnt sich, man muss einen Besuch ankündigen, denn nicht immer ist jemand da.
Ein Flößer vor der Flusssperre, dem Cidolo

Aber in Perarolo findet man immer Hilfe, wenn man etwas braucht: bei Luigino und seiner Schwester Vittorina in der Bar "Il Covo dei Zater, was übersetzt "die Höhle der Flößer" bedeutet.
Luigino in der "Höhle der Flößer"

Luigino und Vittorina bewirten uns nicht nur mit Schinken, Käse, Bier, Wein, Kaffe, Tee….zum Frühstück, Mittagessen, Abendessen, die Beiden wissen alles, was im Cadore geschieht, erzählen Geschichten, helfen weiter. Perarolo ist historisch gesehen das Eingangstor zum Cadore. Heute wird der Verkehr über die Umgehungsstrasse über die große Talbrücke herumgeleitet -nicht immer, denn manchmal ist die Brücke wegen Wartungsarbeiten geschlossen. Ruhesuchende Reisende können hier also ungestört die Gebirgslandschaft in einem Dorf mit reicher Geschichte genießen. Und wenn man im Cadore slow ankommen möchte - In Perarolo gibt es einen Bahnhof, an dem noch der Zug hält.
Für mich sind Vittorina und Luigino von Anfang an eine Sicherheit gewesen, bei ihnen fühle ich mich aufgenommen, fast zuhause, abends nach vielen langen Tagen kann ich hier tausend Fragen stellen und finde immer eine Antwort, die mir hilft weiterzumachen in meinen Entdeckungsfahrten durchs Cadore.
Nach unserer Bekanntschaft mit Perarolo fuhren wir weiter nach Valle di Cadore, wo damals im Juni 2011 der Sitz der Genossenschaft war und hier bei einer lebhaften Versammlung habe ich weitere Menschen kennengelernt, die sich täglich für ein "Neues Cadore" einsetzen.

Einige Mitglieder der Genossenschaft Cadore

Und wir haben einen Vertrag gemacht: im Cadore gibt es viel zu sehen und zu lernen, deshalb soll es bekannter gemacht werden und für alle Reisender seine accoglienza - also seine Gastlichkeit anbieten.

Damals an den verregneten Tagen im Juni fängt also meine Liebesgeschichte zum Cadore an auch wenn ich keine einzige Bergspitze gesehen habe. Damals als ich erfuhr, dass die berühmte Brillenindustrie ausgewandert war, lernte ich auch, dass die Gemeinschaft vom Cadore schon wieder wie so oft eine neue nachhaltige  Entwicklungsstrategie entwickeln musste, wenn man nicht auswandern wollte. Und um diese Entwicklung zu planen und zu realisieren mussten alle Mitglieder der Gemeinschaft irgendwie mitmachen. Eine spannende Geschichte bei der auch ich etwas als Reisende mitmachen durfte….


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