Sterne über dem Tal (2/2)

Hier geht es weiter mit Lydia Karstadts Kurzgeschichte "Sterne über dem Tal". Der Erzähler ist mittlerweile erwachsen geworden und besucht nur noch gelegentlich den vertrauten Ort seiner Jugend - nicht ohne Roberto und Barbara zu besuchen. Dabei entwickelt sich neben der eigenen Lebensgeschichte gleichzeitig die Geschichte der Familie Picaldo - bis beide Erzählungen in einem Punkt zusammenfallen: Hier heißt es nun das Cadore verstehen.

Sterne über dem Tal (2/2)

In den neunziger Jahren zeigte Roberto mir immer wieder die alten Bilder. Ich lebte nun in der Stadt. Wenn ich meine Eltern im Sommer besuchte, ging ich eigentlich jeden Tag ins Café. Für diese kurze Zeit im Jahr gehörten wir zusammen. Wann würde Roberto mir auch weiter von Wien erzählen? Als ob er nur darauf gewartet habe, das ich zu meiner Frage ansetzen würde, fing Roberto an zu sprechen: In jenem ersten Sommer in Wien erzielten die beiden unglaubliche Umsätze und als Rosa den ersten mit Geld voll gestopften Brief erhielt, ließ sie sich wirklich umstimmen. Sie erlaubte einen verlängerten Aufenthalt des Jungen bis zum Ende der Ferien. Rosa schickte nun auch die Kräuter und den Waldmeister an die Bäckerei Kluth. Immer mit langen Briefen und Liedtexten für Roberto. Als dann auch Beppos Bruch verheilte und er wieder einigermaßen laufen konnte und einsatzfähig war, blühte das Geschäft vollends auf. Hatten die beiden so unterschiedlich alten Gelatieri vorher täglich nur eine begrenzte Menge Eiscreme zum Verkauf, so konnten sie nun, durch Arbeitsteilung mit Beppos Hilfe, bei größerer Nachfrage liefern. Robertino rannte wie ein Wiesel von der Bäckerei zum Wagen, die Eiscreme in Schüsseln, die Waffeln im Karton im Leinensack geschultert. Im folgenden Sommer wiederholten nun die drei ihre Erfolgsgeschichte und im dritten Sommer fuhren sie sogar mit dem Automobil nach Wien.
Roberto holte tief Luft und erzählte mir, bei einem seiner Wege nun, passierte ein Unglück und er lief auf einer stark befahrenen Kreuzung in ein Fahrrad und stürzte. Er fiel unglücklich und verletzte sich den Kopf. Damit war schließlich seine wunderbare Zeit in Österreich vorbei. Rosa kam mit dem Zug nach Wien und holte ihn ab. Erst in Italien diagnostizierte der Arzt, Roberto habe eine Gehirnerschütterung und so musste er die restlichen zehn Ferientage im Ospedale in Cortina bleiben. Diese Tage, in denen Roberto still im Bett liegen sollte, waren eine Qual für ihn. Er weinte vor Wut, da er nicht ins Tal und auch nicht zurück zum Opa konnte. Im folgenden Sommer blieb Rosa hart. Roberto durfte nicht mehr mit Pico und Beppo mitfahren. Im darauf folgenden Jahr mieteten die Brüder nun ohnehin einen Laden in Deutschland. Auch sie spürten wohl, das sich die glorreichen Sommer in Wien nicht wiederholen ließen. Roberto brach die Schule ab, halbherzig machte er eine Lehre als Schuster und flüchtete schließlich in die Stadt. Er verirrte sich in seinem eigenen Leben, so nannte er es schmunzelnd. Jahre später, als er zurück kam, übernahm er Nonnos Erbe und führte bald die Eistradition der Picaldos weiter. Er traf Barbara, gerade als sein Leben sich in die richtige Richtung drehte, wie Roberto es ausdrückte und lächelte. Manchmal wenn er dabei gerade noch die glatte Marmorfläche eines Cafétisches abwischte, umarmte und drückte er sie, wie zur Bekräftigung seiner Worte, zärtlich an sich. Zusammen renovierten die beiden das alte Haus, auf dem Hügel, indem sie nun mit Mama Rosa wohnten.
Nie war ich den wiederholten Einladungen der beiden gefolgt, mein Leben hatte mich plötzlich fest im Griff, es hatte mich unmerklich gepackt und durch seine Gewohnheiten und Verwicklungen fühlte ich mich unfrei, gebunden und auch unglücklich. Aber das gestand ich mir nicht ein. Roberto hatte mich nicht befragt, nie ist er in mich gedrungen und wollte das ich mich ihm öffne. Doch einmal schaute er mich lange an und lächelte sein schelmisches trauriges Lächeln. Dann sagte er: „Caro mio, du sollst nicht grübeln! Schau was das Leben mit Dir macht! Du brauchst Bergluft und die Farbe Grün!“ Ich sagte: „Ja, ok, klar, ich komme.“ und versprach sobald ins Cadore zu kommen wie es mir nur eben möglich war. „Aber! Vorerst bestelle ich drei grüne Martini Cocktails!“ Vorerst klingt ernst!“ antwortete Barbara trocken. Wir lachten uns kaputt und tranken zusammen. Beim Abschied hatte ich das Gefühl Roberto und Barbara umarmten mich besonders liebevoll. Im Sommer '96 dann, konnte ich durch meine Arbeit erst spät gegen Ende des Sommers meinen jährlichen Besuch machen. Als ich zum Eissalon gelangte, sah ich Barbara in einem schwarzen halblangen Kleid aus der Aluminiumtür des Bramosia treten und es brach mir das Herz. Ich war zu spät.
In diesem Jahr kehrte ich nicht in die Stadt zurück, sondern durchbrach alle meine Pläne und fuhr mit ihr ins Cadore. Die Bilder dieser Reise sind für mich, wie die einer Rückkehr, sie haben mich verändert, handeln sie doch von Ankunft. Ich brachte einen Strauß Pfefferminze an Robertos Grab, den ich auf dem Weg am Bach gepflückt hatte. Ich weiß nicht mehr wie lange ich dort saß. Erst mal blieb ich im Dorf, um Picos Welt noch besser kennenzulernen. Alles war so fremd und doch, durch ihn vertraut. Ich atmete die köstliche Bergluft von der er immer sprach. Es war so als ginge ich durch eine Welt seiner Beschreibungen. Ich begann wieder wild zu träumen, von Lupo, er erzählte mir die Geschichte aus seiner Sicht. Er stand auf einer Lichtung mit dem ersten Eiswagen und wartete auf mich, nach einer Weile kam der kleine Roberto zu unserer angeregten Unterhaltung dazu. Irgendwie war es der Kleine und der Große in einer Person. In meiner Trauer um ihn, stand er mir bei und erzählte mir Witze.
Ich traf Rosa, die mich ebenfalls nur von Erzählungen kannte. Sie wohnte oben im Haus. Tagein, tagaus war sie im Garten. Häufig wurde es beim Essen Gespräch, Rosa solle endlich ins Erdgeschoss umziehen, um spät abends nicht mehr die Stufen, der großen schweren Holztreppe steigen zu müssen. Am Nachmittag saßen wir häufig schweigend auf dem Hügel im Halbschatten des Hauses und tranken Kaffee. Abends saßen wir immer bis zum Sternenaufgang draußen. Ich bin mir sicher, wir dachten dann auch fast immer an Roberto. Ich habe Rosa nie vor 23 Uhr nach oben gehen sehen. Läutete spät abends das Telefon dann ging Rosa weg und war nicht auffindbar. Barbara suchte sie dann manchmal überall. Morgens wenn ich aufwachte, war sie bereits unten und jätete im Garten. Gleich am ersten Abend wurde ich Zeuge des „Enrosadira“. Rosa sagte es zu mir: „Enrosadira!“ als es passierte. Wenige Minuten nach Sonnenuntergang, als das Tal im Dunkel der Schatten versank, leuchtete plötzlich das Gestein der Felsen hell und schimmernd über uns. Ich hatte das Gefühl wir würden für diesen Moment nicht atmen müssen. Ich sah in das schimmernde Licht über der schwarzgrünen Tallandschaft, meine Wangen wurden heiß und ich spürte feuchte und leichte Tränen, wie die Traurigkeit anderer, die sich in diesem Moment in mir aufhob und mich frei ließ.
Roberto, der sonst ständig mit Wiederholungen, Schleifen und Ergänzungen in seinen Geschichten aufwartete, hatte überhaupt nur einmal von seinem Heimweh, als Junge in Wien gesprochen. Beim zweiten Mal sprach er ausführlicher über jenen Abend, den er mir vor Jahren geschildert hatte. Robertos Stimme wirkte seltsam brüchig als er es erzählte und ich muss immer wieder daran denken. Nonno hatte ihn damals in der braunen Wolldecke, zusammengerollt wie ein Igel, beim Weinen gefunden. Er rollte ihn aus dem Bündel, nahm ihn in den Arm und erzählte ihm die Geschichte von Cato dem Waldkater. Diese Geschichte hatte er selbst von Raffaela in dem Kinderheim gehört, in dem er zusammen mit Beppo in den Sommermonaten leben musste, wenn ihre Eltern in Österreich „Gefrorenes“ verkauften. Cato der Katzenvater jedenfalls, verging fast jedes Mal vor Sehnsucht in der Adria, nach seinen bunt gescheckten Katzenkindern. Eines Tages schickte er von einer seiner Fahrten jedem Kind einen Brief. Darin eröffnete er ihnen, er habe nun ein ganz einfaches Mittel gegen Heimweh, das sogenannte Bramosia Verfahren, gefunden. Sie müssten nur noch ihren Stern über dem Tal finden. Wenn er, auf See und die Kinder im Tal, diese Sterne betrachteten, wären sie miteinander verbunden und wüssten genau, was der jeweils andere fühle. Ja sie könnten auf diesem Wege sogar kleine Botschaften und Nachrichten schicken, wenn sie beim Anblick des Sterns nur fest daran dächten. Um diesen Stern zu finden, gibt es eine ganz einfache plausible Methode. Pico erzählte - in Catos Briefen stand sie in schräg gestellten Schönschriftbuchstaben geschrieben: Stell dich gegenüber den Bergen, mit beiden Beinen sicher unter das Himmelszelt, strecke deine Arme einmal weit zum Himmel, und lass dann die Arme sinken. Leg die Hände auf deine Augen, aber schließe sie nicht. Drehe dich dreimal rechts und fünfmal links um die eigene Achse und fasse dich dann an den Zehen. Komm wieder hoch, Mache einen Ausfallschritt und blicke nach oben. Der, der, dir jetzt ins Auge blitzt, das ist der Stern, zu dem du schauen sollst!
Lydia Karstadt, Berlin 2017
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