Dolomiti Conteporanee - die Erschaffung neuer kultureller Landschaften in den Dolomiten

In der Raumfahrt versteht man unter dem Konzept "Terraforming" den hypotetischen künstlichen Prozess eine für den Menschen lebensfeindliche Umwelt bewohnbar zu machen - Das Konzept wurde seit 2011 von einer stetig wachsenden Gruppe Kunst- und Kulturschaffender um Gianluca D’Incà Levis kontinuierlich adaptiert, um den vielen vergessenen Orten in den Dolomiten einen zeitgenössischen Sinn zu verleihen, sie wieder in unsere Atmosphäre einzugliedern, sichtbar und bewohnbar zu machen - und dabei das Konzept der kulturellen Landschaften stetig weiter zu entwickeln und über das Konzept eines regionalen Territoriums hinauszuwachsen.

Am Anfang erfolgten die Besetzungen und Umgestaltungen der vergessenen Orte zeitlich beschränkt - 2011 - reaktivierte Dolomiti Contemporanee (dc) mit Sass Muss eine ehemalige Chemiefabrik, etwa sieben Kilometer von dem historischen Stadtzentrum von Belluno entfernt. Auf dem ca. 10.000 qm großen Komplex entstanden für eine Saison Ausstellungsräume, Werkstätten, Unterkünfte für Kunstschaffende - kurz eine kreative Quelle des zeitgenössischen Kunstgeschehens.
Die ehemalige Chemiefabrik in Sass Muss, Gemeinde von Sospirolo, Belluno

Im gleichen Jahr wurden noch weitere Orte reanimiert, z.B. der ehemalige Luftschutzbunker in der Via Vittoria Veneto in Beluno - konzipiert als Schutzraum für 1.000 Personen strömen innerhalb von sechs Wochen 10.000 Personen durch die Ausstellungen und Veranstaltungen unter der Erde.
ehemaliger Luftschutzbunker in Belluno

Im Laufe der Jahre haben sich die neuen Landschaften multipliziert und so breitet sich Dolomiti Contemporanee in der gesamten Bergregion aus, setzt neue Impulse über ruinierte Landschaften, die in den abgelegenen Tälern und Schluchten über Jahrzehnte in Vergessenheit geraten sind.
Die temporären Landschaften von dolomiti contemporanee seit 2011

In dem Projekt Dolomiti Contemporanee geht es aber um mehr als die Ausgestaltung von Brachfächen - es geht um den Umgang mit Landschaftskonzepten an sich. Das kulturelle Transformingbenutzt als Instrumente der Rekulturalisierung die zeitgenössische Kunst und den Aufbau sozialer heterogener Netzwerke aus Kuratoren, Kritikern und Kulturschaffenden. Im Jahre 2012 besucht beispielsweise der französische Ethnologe und Anthropologe Marc Augé die Belluneser Dolomiten. Marc Augé hat mit seinem Konzept der Nicht-Orte zu vielen stadtanthropologischen und architektonischen Theorien beigetragen und entscheidet als Jurymitglied bei dem Wettbewerb Two Calls for Vajont über die Gestaltung von Nuovo Spazio di Casso, einer ehemaligen Schule, die seit 1963 nach der Katastrophe von Vajont der Vergessenheit preisgegeben wurde. Ein Bergrutsch führte damals dazu, dass durch eine riesige Flutwelle mehr als 2000 Personen in Longarone und den umliegenden Ortschaften ihre Leben verloren haben.
Die ehemalige Schule als Nuovo Spazzio di Casso

Bis heute wurden jedes Jahr neue Orte reanimiert: Orte, die durch den wirtschaftlichen Niedergang entstanden sind, durch Kriege - oder wie das Beispiel von Nuovo Spazzio di Casso zeigt - durch Tragödien, die aus der geologischen Fragilität der mächtigen Gebirgsmassive hervorgehen. Seit 2015 hat DC einen neuen interessanten Ort besetzt: In dem ehemaligen Feriendorf ENI in Borca di Cadore - am Fuße des Bergs Antelao zieht Dolomiti Contemporanee mit dem Progettoborca ein.

Aufgewacht nach drei Jahrzehnten Dornröschenschlaf: Das ehemalige Feriendorf ENI in Borca di Cadore

In Mitte der '50er Jahre wurde das Feriendorf von der italienischen Mineralölfirma ENI für ihre Angestellten gebaut. Die architektonische Umsetzung wurde von Edoardo Gellner durchgeführt, der auch schon einige Gebäude für die Winterolympiade 1956 realisiert hatte und sich besonders mit den Herausforderungen alpiner Konstruktionen auskannte. Es entstanden auf einem 130 Hektar großen Gebiet ein Kinder- und Jugendferienlager, ein Hüttendorf, ein Hotel, ein Restaurant, eine Kirche, eine Tankstelle, ein Gebäude für die Serviceangestellten, 280 Einfamilienhäuser sowie die nötige Infrastruktur für 2000 Personen. Dabei trägt jede Einzelheit dieses riesigen Komplexes - von der Stadtplanung, die Bepflanzung bis hin zu dem Design der Möbel - die unverkennbare Handschrift des Architekten Gellners.

Promotionsvideo über das Feriendorf - G. Taffarel, 1963

Mitte der '80er Jahre schließt das Feriendorf und gerät in Vergessenheit. Im Jahre 2000 kauft wird der gesamte Komplex von der sardischen Immobiliengruppe Minota gekauft, die dort das Hotel Boite wieder in Betrieb nehmen. Der größte Teil des ehemaligen Feriendorfes ENI bleibt sich aber noch lange Zeit selbst überlassen. Erst 2015 holt sich Minota den Kurator von Dolomiti Contemporanee Gianluca D’Incà Levis an Bord, der ja in den vergangenen Jahren bereits viele Erfahrungen auf dem Gebiet der Revitalisierung vergessener Landschaften gemacht hatte. Seit dem finden in dem ehemaligen Feriendorf in dem Projekt Borca unzählige Ausstellungen und Events statt.
Dolomiti Contemporanee ist dabei immer noch auf der Suche nach sich selbst, macht den Schritt der Revitalisierung von Marc Augés Nicht-Orten zu der Geographie der kulturellen und wirtschaftlichen Landschaften, die der Kulturökonom Pierluigi Sacco beschreibt. Hier werden die Ökonomie und die Kultur nicht mehr als parallele Konzepte verstanden sondern konvergieren zu einem einzigen. Für mich ist diese Betrachtung besonders interessant, geht es mir doch bei meinen Geschichten über das Cadore immer um die Menschen, die in dieser schwierigen Region mit wirtschaftlichen, geographischen, kulturellen und sozialen Herausforderungen aufeinandertreffen - seien es die permanenten als auch die temporären Bewohner und um die Möglichkeiten der gegenseitigen Erfahrungen. Meine Blogger Kollegin Renate Goergen hat kürzlich das Progettoborca besucht und ich bin schon jetzt gespannt auf ihre Geschichten - hier in diesem Blog. Einige Fotos zu dieser Geschichte gibt es schon vorab in unserer Galerie!


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