Die Kultur der Gastlichkeit

Letzte Woche hat mich mein Freund Luca aus dem Cadore in Berlin besucht. Luca arbeitet in einer sozialen Genossenschaft, die sich unter anderem im Cadore darum kümmert, geflüchteten Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten bei ihrer Ankunft in der neuen Heimat zu helfen.
Osman als interkultureller Mediator zwischen den Geflüchteten und der lokalen Bevölkerung

Luca möchte wissen, wie diese Arbeit in Deutschland funktioniert und so besuchen wir Chiara, die in einem Flüchtlingsheim in Marzahn als Sozialassistentin arbeitet. In einem ehemaligen Bürogebäude hat die Volkssolidariät Berlin eine Notunterkunft eingerichtet, in der jetzt 500 Personen leben und darauf warten in ihrer neuen Heimat ankommen zu dürfen. Chiara kommt ursprünglich aus Santo Stefano di Cadore, ihre Mutter - Allessandra Buzzo war dort Bürgermeisterin und hat im Jahre 2011 eine mutige Entscheidung gefällt, indem sie von jetzt auf gleich 90 geflüchtete Menschen in ihrem Dorf untergebracht hatte - eine Geschichte - die noch heute erzählt wird und die vielleicht auch der Anfang meiner Geschichte ist, die ich euch über das Cadore und seine Bewohner erzählen möchte.
Allessandra Buzzo (Mitte) und der Rathausplatz in Santa Stefano

Im Jahre 2011 - in einer Zeit also, wo man sich noch kaum eine Vorstellung über die zu erwartenden Völkerbewegungen machen konnte - waren zwei Busse mit insgesamt 90 geflüchteten Menschen aus afrikanischen Kriegsgebieten unterwegs durch ganz Italien. Die Provinz von Belluno hatte die Idee, man könne die Passagiere auf das ganze Cadore verteilen, doch die Gemeinden waren zu dieser Zeit nicht bereit die Menschen bei sich aufzunehmen. Die Anfrage erreichte schließlich Allessandra in Santo Stefano und fünf Stunden später und dank dem tatkräftigen Einsatz vieler Freiwilliger war eine Notunterkunft für alle eingerichtet. Wie Allessandra - selbst Mutter von drei Kindern - in einem Interview erzählt, kam diese Entscheidung aus vollem Herzen. Sie habe sich vorgestellt, ihre eigenen Kinder seien in so einem Bus unterwegs und so konnte sie die Bitte um Unterkunft einfach nicht abschlagen  - Sie habe die Entscheidung einfach gefällt und ihre demokratische Grundeinstellung für einen Moment über Bord geworfen - was zur Folge hatte, dass sie sich darauf hin mit vielen Menschen auseinandersetzen musste,  um Vorurteile und Ängste zu überwinden und praktische Lösungen zu entwickeln.
Die Menschen waren schließlich da und so war die Gemeinde von jetzt auf gleich mit der Herausforderung konfrontiert, sich um ihre neuen Bewohner zu kümmern. Niemand hatte dort bisher Erfahrungen auf diesem Gebiet gemacht - wie kann man Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund in ein kleines Dorf mit seiner eigenen Kultur und Lebenspraxis einbinden? Wie kann man die eigenen Ängste überwinden? Aber auch: Wie kann man die oft komplizierten rechtlichen Fragen klären, wie geht man mit staatlichen Entscheidungen über Menschen um, die man vielleicht schon gut kennengelernt hat, die aber von dem Verlust ihres Aufenthaltsrechtes bedroht werden? Allessandra kämpfte für alle, die sie damals in ihrem Dorf aufgenommen hat, und überwand dabei unendlich viele Hürden und zögerte nicht, ihre eigenen Grenzen zu überwinden - zwei junge Männer, deren Status sich einfach nicht klären ließ - hat sie adoptiert - mit allem Wenn und Aber! Ich habe Chiara - Allessandras Tochter gefragt, wie sie die damalige Situation wahrgenommen habe und ob sie vielleicht wegen dieser Geschichte zu ihrer jetztigen Arbeit in der Notunterkunft für Geflüchtete in Berlin gekommen sei. Aber das wird Chiara vielleicht bald selbst in diesem Blog erzählen. Doch die Geschichte von Allessandra geht weiter, sie musste als Bürgermeisterin improvisieren, um den geflüchteten Menschen eine Perspektive zu ermöglichen, sie musste weitere Gemeinden überzeugen, den neuen Einwohnern dabei zu helfen, sich eine Lebensgrundlage zu schaffen und so kommen schließlich weitere Akteure hinzu.
Geflüchtete im Cadore arbeiten im Bergartischockenprojekt

Da ist zum Beispiel die soziale Genossenschaft mit dem Namen "Cadore", in der mein Freund Luca arbeitet. Soziale Genossenschaften sind in Italien die Arbeitgeber für viele benachteiligte Menschen, die sonst keine Möglichkeit hätten, eine Arbeit zu finden. Die Genossenschaft Cadore ist zudem Mitglied bei Le Mat - dem sozialen Franchiser, der nachhaltigen Tourismus in Italien und weiteren europäischen Ländern entwickelt. Hauptsächlich geht es Le Mat um den Entwurf neuer Gastlichkeiten, durch die ein kultureller und sozialer Austausch erst ermöglicht wird. Es geht um die Synenergien, die sowohl den Reisenden als auch den Einheimischen nützen und vor einseitiger Ausbeutung schützen. Warum sollten da geflüchtete Menschen nicht einbezogen werden können?
Die Genossenschaft Cadore betreibt hier verschiedene Unterkünfte für Geflüchtete

So kommt es, dass die Genossenschaft in mehreren Gemeinden im Cadore Apartments angemietet hat und inzwischen über 50 Personen eine Lebensgrundlage bietet. Die Menschen bekommen Sprachunterricht und werden in ihrem Alltag unterstützt, um schnell in der neuen Umgebung Fuß fassen zu können. Auch als Arbeitgeber spielt die Genossenschaft eine wichtige Rolle, da sie sich ja auch in der Landschaftspflege sowie in der Gastronomie betätigt. Die Genossenschaft, die schon seit 30 Jahren eng in das Gemeinwesen des Cadore eingebettet ist, spielt so eine wichtige Rolle der Verständigung zwischen den neuen und alten Bewohnern der Region.
Das Konzept der Genossenschaft Cadore, die Geflüchteten in kleinen dezentralen Wohngruppen zu organisieren, macht auch andere neugierig. So hört Angela Zurzulo, eine italienische Journalistin durch Zufall von dem Projekt und macht sich auf den Weg ins Cadore, um eine Geschichte über die dortigen Akteure zu schreiben. Ich bedanke mich hier schon einmal für die Fotos, die mir Angela für meine Geschichte zur Verfügung gestellt hat. Sie schreibt unter anderem über die Einwohner von Vallesina, ein 20 Seelendorf, wobei vier Menschen aus Afrika stammen - eine Geschichte die von Freundschaften zwischen den alten und neuen Bewohnern des Dorfs handelt.
Kamara entdeckt die Werkstatt seines Nachbars Fabio

Kamara hat in seiner Heimat als Schreiner gearbeitet und nachdem er Fabio mit seiner Werkstatt in Vallesina kennen gelernt hatte, gab es kein Halten mehr: Von nun an entstehen in Fabios Werkstatt Webstühle für eine Schule in Belluno!
Das Konzept der Genossenschaft Cadore besteht darin, den Geflüchteten eine Unterkunft zu organisieren, Sprach- und Integrationskurse anzubieten und Arbeitsplätze zu beschaffen - eine nicht ganz einfache Aufgabe in einer Region, in der die Arbeitslosigkeit nach dem Niedergang der Brillenindustrie zu großen ökonomischen Problemen geführt hat. Neben der Landschaftspflege, der Gastronomie und dem Tourismus ist die Genossenschaft deshalb ständig auf der Suche nach neuen Möglichkeiten. Mit ihrem neuen Projekt "SIMBIOrti" bewegt sich die Genossenschaft seit diesem Jahr auf einem weiteren innovativem Terrain: Auf dem Gelände eines Ehemaligen Klosters in Pieve di Cadore entsteht ein Artisckockenfeld und ein Hühnerhof und bietet sowohl Arbeitsplätze für Geflüchtete als auch Menschen mit Behinderungen.
Bergartischocken und Eier aus den Dolomiten

Es sind die vielen kleinen Geschichten der Begegnung, die das Gelingen einer Asylpolitik erst ermöglichen. Persönliche Geschichten, die etwas anderes erzählen als die kulturelle, soziale und ökonomische Überforderung. Die Geschichte der Genossenschaft Cadore kann dazu  als Erfolgsgeschichte dienen, auch wenn man einräumen muss, dass es sich dabei nur um die Aufnahme und Versorgung von etwas über 50 Geflüchtete Personen handelt, also einem Zehntel von der Anzahl der Geflüchteten, die allein in der Notunterkunft in Marzahn untergebracht sind. Auf der anderen Seite schafft es die Genossenschaft mit deutlich weniger finanziellen Ressourcen einen zehnfachen Betreuungsschlüssel anzubieten und das bedeutet, dass im Cadore wirklich jeder Zugang zu einem persönlichen Netzwerk finden kann. Luca, der für die Organisation der Geflüchteten in der Genossenschaft verantwortlich ist erzählt mir, dass er sich noch an jeden Namen der Migranten erinnern kann, die seit 2011 bis heute im Cadore angekommen sind.
Apropos - Wer eine Kostprobe von den Artischocken haben möchte, am 19. August 2016 gibt es in der Tappa Bar in Valle di Cadore die Möglichkeit der Verkostung und nebenbei kann man alle Menschen, die dieses Projekt auf die Beine gestellt haben persönlich kennenlernen - denn die Dolomiten bieten viel mehr, als nur Wanderwege durch die Berge!
Einladung zur Artischockenkostprobe in der Tappa Bar
Mehr Fotos zu dieser Geschichte findet ihr in unserer Galerie!


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