Eine Erfolgsgeschichte in der Pause


Im Cadore gab es bis vor wenigen Jahrzehnten viel Arbeit für alle, die meisten arbeiteten in der Brillenindustrie, in der Brillen für die ganze Welt hergestellt wurden. In Pieve di Cadore wird die Geschichte der Brillen in dem eindrucksvollen " Museo degli occhiali erzählt. Doch diese Zeiten sind lange vorbei und im Cadore wurde es seither immer schwieriger, das Einkommen zum Überleben zu sichern. In der Tat haben viele die Gegend verlassen, um anderswo ihr Glück zu versuchen. Aber nicht alle. Einige haben sich in Genossenschaften organisiert, wie die soziale Genossenschaft Cadore, die sich nach der Region benennt.
Aber es gibt auch einzelne Leute, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, z.B. Frederica und Nicola, die das Restaurant "La Pausa" in Pozzale überhalb von Pieve di Cadore betreiben. In dem Restaurant werden lokale Gerichte angeboten, aber das Besondere ist, dass das Fleisch und der Käse aus der eigenen Herstellung stammen - so kommt alles aus einer Hand. Genau genommen sind es die Hände von Nicola, Frederica und ihren drei Angestellten. Und diese Hände schaffen Unglaubliches. Ich bin davon so beindruckt, dass ich die beiden näher kennen lernen möchte.

Frederica und Nicola in ihrem Restaurant "La Pausa" in Pozzale

Wir treffen Nicola auf der Piazza von Pozzale. Er möchte uns sein Vieh zeigen - Kühe, Schweine und Ziegen, die im Stall und auf der Weide etwas außerhalb vom Dorf liegen. Mit dem Jeep geht es etwa eine Viertelstunde lang über Stock und Stein dorthin. Nicola erzählt, dass er diese Strecke etwa dreimal am Tag fährt - wenn die Kühe kalben oder es neue Ferkel gibt, kommt es auch öfters vor. Manchmal verbringt er dann die ganze Nacht im dort.  Im Winter kann er den Stall hingegen nur mit dem Motorschlitten erreichen.
Nicola zeigt uns sein Vieh

Ursprünglich kommt Nicola aus einer Bäckersfamilie. Mit Anfang 20 hat er damit begonnen, Kühe aus dem Pustatal auf die Weiden im Cadore zu bringen - eine Dienstleistung, die dem Umstand geschudet war, dass es damals im Cadore kaum mehr Bauern gab, die sich um die Bewirtschaftung der Weiden kümmerten. Wenn die Weiden sich selbst überlassen bleiben und verwildern, ist das - so Nicola ein großes Problem,- solange man die Berge als Kulturlandschaft begreifen möchte, in der auch Menschen leben möchten. Bald hatte Nicola angefangen eigene Kühe groß zu ziehen - anfangs nur für die Selbstversorgung. Alles was er dazu lernen musste, hat er sich selbst beigebracht, er kam ja schließlich nicht aus einer Bauersfamilie, in der das Wissen über die Viehhaltung durch die Generationen getragen wird. So gibt es z.B. einige Pflanzen - wie die Herbstzeitlosen, die für die Tiere tödlich sind und die von Hand ausgerissen werden müssen.
Frederica hingegen war Architektin, doch die Arbeit machte ihr keinen Spaß mehr. Abends in der Bar erzählte sie einem Freund von ihrem Mißleid und wünschte sich nichts mehr, als einen anderen Lebensentwurf. Sie wolle am liebsten nur ein paar Ziegen, die sie irgendwo in den Bergen hüten könne. Der Freund brachte sie mit Nicola zusammen, die beiden verliebten sich ineinander und so kam eins zum anderen. Erst betrieben für sieben Jahre die Berghütte auf dem Antelao. Gleichzeitig legten sie sich eine Ziegenherde zu und machten aus der Ziegenmilch Käse. Es war ein ständiges Hin und Her zwischen der Berghütte auf dem Antelao und der Ziegenherde im Tal.
Ziegen geben aber nur im Frühjahr Milch und so konnte die Käseproduktion keine ganzjährige Einnahmequelle abgeben. Die beiden entschlossen sich deshalb auch noch Kühe in ihr Programm aufzunehmen, die ja das ganze Jahr über Milch liefern. Dazu kommen bald noch Schweine und es ist klar, dass es bei all der Arbeit nicht mehr möglich ist, auch noch die Berghütte zu bewirtschaften - zu groß sind die Distanzen, die jeden Tag überwindet werden müssen. Die beiden kaufen sich eine Holzhütte mit Panorama oberhalb von Pieve di Cadore und eröffnen ihr Restaurant La Pausa in der Nähe ihres Stalls. Es spricht sich schnell herum, dass man dort umgeben von einem eindrucksvollen Bergpanorama lecker Essen kann.

Am Sonntag wollen wir eine Wanderung vom Rifugio Antelao zur Berghüte von Claudio unternehmen. Nicola bietet uns an, das erste Stück von Pozzale zum Rifugio mit in seinem Jeep zu fahren, da er sowieso zum Rifugio fahren muss, um seinen  Kühen auf den Bergwiesen Salz zu bringen. In Pozzale ist der Dorfplatz an diesem Tag  voller Leute, weil heute der Lauf von Pozzale zum Rifugio stattfinden wird - also genau die Strecke, die wir auch mit dem Jeep fahren wollen. Wir müssen uns beeilen, um vor dem Rennen los zu kommen.
Von einer der Berghütten, die wir bei unsere Fahrt passieren, gibt es einen herrlichen Ausblick auf die Marmarole. Sonja sieht dabei in der Ferne die Berghütte Chiggiato, auf der sie am vorherigen Tag eine Suppe gegessen hat.
Vor lauter Freude vergesse ich dort meine Fototasche. Oben auf dem Rifugio Antelao angekommen erzähle ich Nicola von meinem Verlust. Er zückt sein Telefon und abends erhalte ich meine Tasche zurück. Wow! Auf der Berghütte sind alle damit beschäftigt, die Ankunft der Läufer vorzubereiten und nur kurze Zeit nach uns erreicht auch schon der erste Läufer das Ziel. Er hat die Strecke in etwa einer dreiviertel Stunde überwunden - wir haben mit dem Jeep auch nicht viel weniger gebraucht.
Die ersten Läufer kommen kurz nach uns auf dem Rifugio Antelao an
Jetzt beginnen wir unsere eigene Wanderung, Sonja und Renate sind mit Karten ausgestattet und ich überlasse mich für die nächsten Stunden gerne ihrer Führung. - Jeder weiß, dass mir das nur Recht sein kann.
Vom Rifugio geht es weiter auf den Antelao
Unterwegs halten wir oft an, um die herrlichen Aussichten auf die Landschaft zu genießen, auch hier sind wir fast immer alleine. Kaum zu glauben - an einem Wochenende im August bei strahlendem Sonnenschein.
Auf der Wanderung gibt es ständig etwas Neues zu entdecken.
Nach ein paar Stunden kommen wir zur letzten Abzweigung, die uns zur Berghütte von Claudio führt. Er wird uns dort mit einem kleinen Nachmittagsbrunch empfangen.
Die letzte Abzweigung.
Claudio Agnioli war bis vor kurzem der Präsident der Genossenschaft im Cadore und hat damit begonnen, die Region für einen lokal nachhaltigen und sozialen Tourismus empfänglich zu machen. Wir diskutieren viel über die Möglichkeiten, wie man den Tourismus hier entwickeln könnte, denn die Landschaft ist einzigartig und die Leute könnten ihren Gästen wirklich viel bieten. Wir sprechen über Nicola und Frederica und deren Geschichte, den Widerständen, denen sie begegnen und von denen sie sich nicht unterkriegen lassen. Claudio sagt, es ist toll die Reisenden zu Orten wie der Pausa zu bringen, also ein Tourismus zu entwickeln, der nicht um seiner selbst Willen konstruiert wird, sonder die Reisenden und die lokalen Akteure zusammenbringt, um sich letztlich gegenseitig zu bereichern. Ich finde er hat damit vollkommen Recht.
Claudio Agnioli auf seiner Baita


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